Auf Burg Reichenstein lebte einst ein junger Ritter, der in ein Fräulein von der Nachbarburg Rheinstein verliebt war. Von einer Reise brachte er ihr als Geschenk einen herrlichen Schimmel mit und beide ritten nun oft in der waldreichen Umgebung spazieren. Ihre Liebe zueinander wuchs und sie beschlossen, zu heiraten. Doch war es damals Sitte, zunächst einen Brautwerber bei dem Vater der Angebeteten um deren Hand anhalten zu lassen. Daher bestellte der Reichensteiner Ritter seinen Onkel als Werber und schickte ihn auf die Rheinstein. Als der Onkel die hübsche Braut sah, begehrte er sie selbst und erreichte es, daß der Vater sie ihm statt dem Neffen zur Frau geben wollte. Das Mädchen weint und klagte zwar, doch ließ der alte Rheinsteiner sich nicht erweichen, schien doch der Onkel ein weit bessere Partie zu sein, als der junge Ritter. Als der Tag der Hochzeit gekommen war, ritt der Brautzug hinunter zur Clemenskapelle am Rhein. Plötzlich jedoch stach eine Hornisse das Pferd des Bräutigams, das daraufhin scheute und den ganzen Zug durcheinander brachte. Die Braut hatte auf solch eine Gelegenheit nur gewartet und sprengte auf ihrem Schimmel davon. Es fiel dem Tier nicht schwer den Weg zur nahen Reichenstein zu finden, und noch ehe Vater und Bräutigam begriffen hatten, was geschehen war, hatte sich das mächtige Tor der Burg schon hinter der Braut geschlossen und auf den Zinnen blinkten die Speere der Harlamierten Burgmannen im Licht der Morgensonne. Der Bräutigam rief rasch sein Gefolge und die Männer des Rheinsteiners zusammen und griff die Burg seines Neffen an. Doch die trutzigen Mauern Reichensteins waren noch nie ein leichtes Hindernis und so stürzte der hinterhältige Onkel derart unglücklich, daß er kurz danach starb. Der Brautvater aber ließ sich endlich erweichen und erkannte, wo das wirklich Glück seiner Tochter lag. Schon bald wurde Hochzeit gefeiert und die Braut wurde mit ihrem stolzen Reichensteiner Ritter lange glücklich.
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