StartseiteSagenDie geheimnisvolle Grabplatte

Der französische Dichter Victor Hugo schilderte seinen Besuch auf der Reichenstein im 19. Jahrhundert (damals war die Burg noch Ruine) so:

"Als ich so fortschritt, fiel mein Auge auf die Ecke eines Grabsteins, welche aus dem Schutt hervorsah. Eifrigst beugte ich mich nieder. Mit Händen und Füßen beseitigte ich den Schutt und in wenigen Augenblicken hatte ich eine sehr schöne Grabplatte des vierzehnten Jahrhunderts aus rotem Heilbronner Sandstein enthüllt. Auf dieser Platte lag, fast halb erhaben, ein vollkommen gerüsteter Ritter, welchem aber der Kopf fehlte. Unter den Füßen dieses Mannes von Stein stand folgendes, aber immer noch deutlich lesbares Distichon in großen römischen Anfangsbuchstaben:


VOX TACUIT. PERIIT LUX. NOX RUIT ET RUIT UMBRAVIR CARET IN TUBA QUO CARET EFFIGIES.

Von welcher Person sprachen diese, an Inhalt traurigen, an Form barbarischen Verse? Durfte man dem zweiten Verse am Steine glauben, so fehlte dem Gerippe unten so gut, wie dem Bildnis oben der Kopf. Was bedeuten die drei X, welche durch ihre besondere Größe so auffallend aus der übrigen Schrift hervortraten? Indem ich die Platte aufmerksam betrachtete und mit einer Handvoll Gras vollends reinigte, bemerkte ich um das Bild herum noch andere fremdartige Zeichen. Es waren die drei X in dreifach verschiedener, phantastisch, verschlungener Form. Weiteres habe ich nicht von dem geköpften, geheimnisvollen Ritter erfahren. Trauriges Schicksal! Welches Verbrechen hat dieser Unglückliche wohl begangen? Die Menschen haben ihn mit dem Tode, die Vorsehung mit Vergessenheit belegt. Finsternis auf Finsternis. An dem Bildnisse fehlt der Kopf, in der Legende sein Name, seine Geschichte im Gedächtnis der Menschen. Sein Grabstein wird ohne Zweifel bald verschwinden. Ein Weinbauer von Soneck oder Rupertsberg wird ihm eines schönen Tages nehmen, die Asche des verstümmelten Gerippe das er vermutlich noch bedeckt, mit den Füßen zerstreuen, das Gestein zerhauen und aus dem Grabesdeckel das Gesimse einer Wirthshausthüre machen. Und die Bauern werden sich trinkend herumsetzen, und die alten Weiber werden spinnen, und die Kinder werden lachen um die Bildsäule des Namenlosen, der einst vom Henker enthauptet und jetzt von einer Mauer zersägt wird."

Die Platte ist später tatsächlich nicht mehr vorhanden gewesen. Mag sein, daß ein Trechtingshausener Winzer sie zerschlug, um die Bruchstücke einem nüchtern-profanen Zweck zuzuführen, mag sein, daß sie bei den Wiederaufarbeiten der Jahrhundertwende übermauert oder zerstört wurde. In welchem Teil der Burg sie lag, weiß man nicht mehr. So birgt die Reichenstein, wie fast jede alte Burg, noch manches Geheimnis.....

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